Synopsis und Leseprobe Schattenspiel (Schaduwspel) und Bluthochzeit (Bloedbruiloft)
 

Die Autorin

Die Autorin Ellen Gerretzen (1960) wohnt und schreibt abwechselnd in Amsterdam, Spanien, Berlin und Lissabon, ihren bevorzugten Aufenthaltsorten. Bluthochzeit ist ihr Debütroman und spielt in der Extremadura in Spanien. Der zweite Krimi, Schattenspiel, mit dem ehemaligen Hauptkommissar Wolfgang in der Hauptrolle, spielt in Berlin wie der dritte, Verdorven (Verdorben). Der Vierte, Manzanilla spielt in Ansalusien.

REZENSIONEN

'...bietet Ellen G. eine komplexe Charakterisierung ihrer Figuren. Genau dies macht die Stärke des Buches aus. Dazu kommt ihre realistische, vielschichtige und authentische Beschreibung der Stadt Berlin. Die Autorin beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Gebiet, von Prenzlauer Berg, über Neukölln, Charlottenburg, Kreuzberg, bis Mitte und Schöneberg ist alles dabei..'

Teresa Vena       Berliner Kulturrezensionen

https://berlinerkulturrezensionen.wordpress.com/2015/07/26/schattenspiel-von-ellen-g/

 

„Verdorven“ ist wie sein Vorgänger ein spannungsreiches Buch, das sich für winterliche Abende zu Hause besonders empfiehlt. Welches bessere Kompliment kann man eigentlich einem Kriminalroman machen, als zu sagen, dass bei dessen Lektüre die Zeit wie im Flug vergeht?

Teresa Vena        Berliner Kulturrezensionen

https://berlinerkulturrezensionen.wordpress.com/2015/11/28/verdorven-von-ellen-g/

 

 

Schattenspiel (Originaltitel: Schaduwspel)

 

Leseprobe

S. 9-11 und S. 51-70

                                                                   Übersetzung:   Anna Carstens

                                             (www.annacarstens.nl)
 

 

Ost-Berlin, Prenzlauer Berg, Juni 1978

 

Es schien ein Tag wie jeder andere im Blauspecht.

In der schummrigen Nische rechts von der Eingangstür zapfte der stämmige Wirt mit brauner Lederschürze routiniert Bier, während er das Lokal im Blick behielt. Die ebenso füllige Frau in gestärkter weißer Bluse, die über dem Busen spannte, füllte Schnapsgläser mit Nordhäuser Doppelkorn. Sobald das Tablett voll war, schwang sie es scheinbar mühelos in die Höhe und machte ihre zigste Runde durch das sparsam eingerichtete Lokal, in dem Männer in Arbeitskluft ihren Feierabend mit Bier und einem Korn begannen. Dunkle Holztische und Stühle, ein gut gezapftes Bier, einen Schnaps und die Gesellschaft deiner Kumpel – mehr brauchte eine Kneipe nicht.

Jeder kannte das Ritual: Ein leeres Glas tauschte die Frau mit dem prallen Busen gegen ein volles aus. So einfach war das Leben im Blauspecht.

Der Mann am Tisch neben der Tür war allein. Er saß gerne in dieser Eckkneipe, in der sich die Jahreszeiten nicht blicken ließen und es sommers wie winters dämmrig war. Ganz gemütlich trank er sein Bier, rauchte eine Karo und hörte den Gesprächen ringsum zu, was nicht immer einfach war, weil die Stimmen hin und wieder – warum, war unklar – plötzlich zu einem kaum hörbaren Gemurmel gedämpft wurden. Dann ging es um Dinge, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren.

Die drei Gäste  am Nachbartisch vereinbarten einen Tauschhandel. Einer von ihnen hatte noch einen Schwung Badfliesen, die der zweite ihm gerne gegen ein paar Kilo Ostseeaal abnehmen wollte, die der dritte für eine original amerikanische Jeans liefern würde, die der zweite wiederum über Beziehungen beschaffen konnte. Eine ganz gewöhnliche Unterhaltung im Blauspecht und in unzähligen anderen Ostberliner Kneipen.

Der Dialog am Tisch hinter ihm war dagegen eher ungewöhnlich. Er musste sich anstrengen, um das leise geführte Gespräch zu verstehen, und er tat so, als wäre er in die Berliner Zeitung vertieft.

„Es hat geklappt, ich hab das Ausreisevisum organisiert. Ein ärztliches Attest besorgt, ein todkranker Verwandter im Westen. Morgen verlässt Rosi Winkelewski über die Friedrichstraße die DDR, und zwar für immer.“

„Aber was ist, wenn jemand …“

Die nervöse Stimme wurde von einer ruhigen und autoritären unterbrochen, die jemandem gehörte, der es gewohnt war, dass man ihm Folge leistete. „Nur die Ruhe, morgen ist es vorbei. Alles unter Kontrolle.“   

Stuhlbeine schabten über den Holzfußboden, die beiden zahlten bei der vollbusigen Frau. Er beugte sich noch tiefer über seine Zeitung, bis sie das Lokal verlassen hatten.

Was machten die hier? Stammgäste waren es jedenfalls nicht. Die Unterhaltung hatte seine Neugier geweckt.

Der Mann kippte seinen Korn hinunter. Natürlich wurde öfter mit falschen Attesten geschummelt, um endlich einmal Verwandte im Westen besuchen zu können, aber dass ein Mann aus höchsten Parteikreisen seine eigene Frau für immer aus der DDR ausreisen ließ – das war etwas anderes. Aber er würde sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen. In diesem Fall schon gar nicht.

Er grüßte den Wirt, der unbeirrt weiterzapfte, und verließ den Blauspecht, bog nach rechts ab und ging die Treppen zum S-Bahnhof Schönhauser Allee hinunter. Mit einem harten Schlag auf den runden Metallknopf des roten Kastens lochte er routinemäßig seine Fahrkarte, während er über das Gespräch nachdachte.

Rosi Winkelewski, eine Frau, die morgen die DDR verlassen und nie wieder zurückkommen würde.

Für einen kurzen Moment überkam ihn Fernweh, das er jedoch gleich wieder unterdrückte. Schließlich ging nichts über die Berliner Luft.

Am Ende des Bahnsteigs sah er sie stehen. Wie vermutet, nahmen sie dieselbe S-Bahn und stiegen ebenfalls an der Station Pankow aus. Der Mann folgte ihnen in einiger Entfernung, bis er in die Straße einbog, in der er wohnte. Er drehte sich noch einmal um und sah ihnen nach, schüttelte den Kopf und holte seinen Haustürschlüssel hervor. Im zweiten Hinterhof kam ihm schon der Duft von frischen Buletten entgegen, und bei dem Gedanken daran musste er schmunzeln. Seine Frau machte die besten Frikadellen von ganz Berlin, und das Bier und der Schnaps hatten ihn hungrig gemacht.

Eilig folgte er dem Duft und verdrängte den Gedanken an die beiden.

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Binnen zehn Minuten waren sie bei der Kleingartenanlage angelangt und gingen unter dem großen Eingangsschild mit der Aufschrift „Laubenkolonie Klein Eden“ hindurch. Daneben stand ein kleineres Schild mit einem Pfeil, der den Weg zur Gaststätte Maus wies. Hier musste Francisco auch gegangen sein, wenn er nicht in das Wirrwarr aus schmalen Sandwegen abgeschweift war, die ein Miniaturstraßennetz entlang der kleinen Parzellen bildeten, die von ordentlich gestrichenen Pforten und Hecken umzäunt waren. Zur Ausstattung jedes Gartenstücks gehörten ein Häuschen, ein Schuppen, ein Stapel Brennholz, Obstbäume, Gemüsebeete, Blumen, ein Grill, eine rustikale Hütte, Wagenräder, Gartenzwerge, Steinfrösche, Plastikreiher, Planschbecken, ein tipptopp gepflegter Rasen und nicht zu vergessen eine Ansammlung von mehr oder weniger ländlichem Trödel. Das meiste war eher ziemlich ländlich.  Für Javier war das offensichtlich eine völlig neue Erfahrung. Er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Sie gingen im Zickzack durch die Kolonie: Lorbeerweg, Walnussweg, Apfelweg, Asterweg und Preiselbeerweg, wo sie jäh stehen blieben. Ein rot-weißes Absperrband verriet, dass der Zutritt zu Nummer 20 verboten war. „Bosporus“ hatte jemand in geschwungener Schrift auf die Holztür der Laube geschrieben. Hier hatte man Francisco wohl gefunden. Es war ein völlig abwegiger Fundort für eine Leiche, wie es alle jene Orte waren. Die Banalität des Todes spiegelte sich oft in der Alltäglichkeit der anonymen Stelle wieder, an der ein lebloser Körper entdeckt wurde. Sobald alle Spuren des Geschehens beseitigt waren, wurde daraus wieder ein ganz normaler Ort, an dem das Leben ungerührt weiterging, so, als wäre nichts gewesen. Ganz anders verhielt sich die Sache natürlich, wenn es kein anonymer Ort war.

Wie die eigene Wohnung.

Er verdrängte diesen Gedanken und sah sich den Kleingarten an. Die Spezialisten von der Kriminaltechnik hatten ihre Arbeit erledigt. Ein paar Kinder von etwa zwölf Jahren gingen vorbei und starrten sie neugierig an. Auf dem Haus nebenan wehte die deutsche Fahne, der Rasen war nicht gemäht, überall wucherte Unkraut und die Gestalt einiger Gartenzwerge war, gelinde gesagt, sehr ungewöhnlich für ein Umfeld, in dem es auch Kinder gab. Zwischen den anderen, tadellos gepflegten Gärten fiel dieser aus dem Rahmen.

Schweigend betrachtete Javier das verlassene Grundstück, auf dem sein Cousin ermordet worden war und meinte dann, ihm sei nach einem Bier zumute. Langsam gingen sie weiter, bis sie ihr Ziel in der Laubenkolonie erreichten: ein quadratisches, eingeschossiges Haus mit kleinen Fenstern, vor denen Tüllgardinen hingen, und einer großen Terrasse. Links und rechts vom Eingang standen zwei Maus-Figuren aus Stein, die den eintretenden Gast aufmerksam zu beobachten schienen.

Gaststätte Maus.

Die Terrasse hatte sich seit seinem letzten Besuch verändert. Überall standen jetzt große Terrakotta-Kübel mit Oleandern, Yuccas und kleinen Palmen, und das neue Aushängeschild verkündete den Aufstieg zur „Terrasse mit tropischem Ambiente“. Was für eine Neuerung! An einigen Tischen saßen Leute mit einem Glas Bier, die sie mit verhohlener Neugier beäugten, und Kinder mit einem Eis, die sie ganz ungeniert anstarrten.                                         Drinnen hatte sich wenig verändert. Mäuse in allen Variationen, aus Porzellan, Holz oder Plüsch. Selbst eine ausgestopfte Ratte war darunter, ein Neuzugang in der Sammlung. Hinter der Bar hing die obligatorische Spruch-Fliese, die in keiner urberliner Kneipe fehlen durfte. Hier lautete die Devise: „Investier in Alkohol, mehr Prozente kriegste nirgends.“ Der einzige Gast, der an einem Tisch vor dem Fernseher saß, blickte auf, als sie hereinkamen.

„Tagchen, Wolfgang. Wir haben uns lange nicht gesehen!“

„Hallo, Rödiger. Wie geht’s, wie steht’s?“

„Ich kann nicht klagen.“ Es klang nicht überzeugend. „Ich bin jetzt pensioniert. Endlich muss ich nicht mehr am Steuer sitzen und mir das Gemecker der Leute anhören. Und du? Du bist sicher wegen der Mordsache hier?“                                        Wolfgang nickte. Rödiger hatte immer gerne „seinen“ Bus gefahren, und was das Genörgel und genervte Kommentare anging, so hatte er seine Fahrgäste immer mühelos übertroffen.

Meckern war seine Lieblingsbeschäftigung gewesen. Jetzt konnte er sich hier den ganzen Tag zwischen den Laubenpiepern austoben.

Rödigers Kopf war buchstäblich viereckig, und seine Haare sahen aus wie ein frisch gemähter Rasen. Wie es sich für einen echten Kerl gehörte, betrachtete er Gemüse und Salat als reines Kaninchenfutter ; außerdem konnte er – und das war für einen Schrebergärtner eher untypisch – Gartenzwerge und rustikale Wagenräder nicht ausstehen.

„Wolfgang …“

Eine Stimme hinter ihm unterbrach seinen Gedankengang. Er drehte sich um. Zwei vertraute grüne Augen hinter der kleinen Theke sahen ihn an.

Sie gehörten Silke, die auf ihn zukam, kurz zögerte und ihn dann auf beide Wangen küsste. „Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen!“, sagte sie.

Silke hatte lange blonde Haare und eine helle Haut, die sie nie der Sonne aussetzte, nicht, weil sie Sonnenbäder nicht mochte, sondern weil ein gebräunter Teint die fünf Zentimeter lange Narbe auf ihrer Wange hervorheben würde. Das Wundmal hatte einen hellen, etwas wulstigen Rand, der nie braun wurde, und bei blasser, fast elfenbeinfarbener Haut fiel es weniger auf.

Silke war eine gut aussehende Frau, und merkwürdigerweise schien die Narbe das zu betonen. Sie besaß eine natürliche Schönheit, die besonders auffiel, weil sie sich nicht schminkte. Sie verbarg die Narbe auch nicht, sie schien sich ihrer gar nicht bewusst zu sein. In diesem gutbürgerlichen Kleingarten-Lokal mit karierten Tischendecken, altem Kanonenofen, Mäuse-Sammlung und gebräunten Laubenpiepern wirkte Silke wie ein Fremdkörper. Wolfgang stellte ihr Javier vor, der offensichtlich beeindruckt war, denn die mürrische Miene, die sein Gesicht seit ihrer Ankunft in Berlin verunziert hatte, verzog sich und wich sogar einem kurzen Lächeln. Sieh mal einer an! War das vielleicht sein schwacher Punkt, blonde Frauen? Das musste er sich merken.

„Bier?“, fragte Silke und lächelte Javier an.

„Bier!“ In einem offenbar unbewussten Reflex straffte Javier sein T-Shirt über der Brust. „Bier“ war zweifellos das einzige deutsche Wort, das er beherrschte, aber er machte den Eindruck, als würde er gerne mehr Vokabeln von ihr lernen, und Silkes Blick nach zu urteilen, war ihr das auch bewusst.

„Dein Freund Siegfried war letzte Woche noch hier.“ Silke nickte in Richtung Mäuse-Sammlung und verdrehte die Augen. „Er hat mir die ausgestopfte Ratte geschenkt. Ein bisschen gruselig, aber na ja, er hat es gut gemeint.“ Sie sah über seine Schulter hinweg. „Sven, zapfst du bitte drei Bier? Ich werfe derweil mal einen Blick auf die Terrasse.“

Wolfgang hatte nicht bemerkt, dass Sven hereingekommen war, Silkes Freund seit ewigen Zeiten, mit dem sie eine Art On-Off-Beziehung führte, die mehr „aus“ als „an“ war. Sven war elf Jahre älter als Silke, fast genauso blond, und er hatte ungewöhnlich hellblaue Augen. Sie standen weit auseinander und schossen häufig hin und her, als wollte er mögliche Gefahren, die ringsum auf ihn lauerten, genau im Blick behalten. Wolfgang hatte ihn nie so richtig gemocht, obwohl er nicht genau wusste, warum. Sven war immer korrekt, konnte, wenn er in Stimmung war, ausgezeichnet Witze erzählen und spendierte Stammgästen gelegentlich ein Bier. Vielleicht lag es einfach an diesen Augen oder an seiner Angewohnheit, sich fast schleichend fortzubewegen und dann urplötzlich vor einem zu stehen, ohne dass man ihn bemerkt hatte.

Sven bestätigte, dass man Francisco unweit der Gaststätte Maus gefunden hatte, hinter einem Rhododendronstrauch auf der verlassenen Parzelle im Preiselbeerweg.

Was wollte Francisco da mitten in der Nacht?

Und warum hatte niemand etwas gehört? In der Laubenkolonie wurde im Allgemeinen streng auf die Einhaltung der Ruhezeiten geachtet, und bei Störungen beschwerten die Leute sich sofort beim Verwalter. Hier wohnte man so dicht aufeinander in den kleinen, hellhörigen Häusern, dass man nachts jemanden sechs Lauben weiter husten hören konnte. Eigentlich durfte man in dieser Kolonie nicht dauerhaft wohnen, aber an diesem Verbot schien sich niemand zu stören.                                                                       Der Preiselbeerweg lag in Richtung Majakowskiring. Vermutlich war Francisco also auf dem Weg nach Hause gewesen. Bis jemand ihn in den Garten gelockt hatte. Eine andere Erklärung hatte er nicht. Aber wer? Und warum?

Der Schuss in den Genitalbereich könnte natürlich auf ein schwulenfeindliches Motiv deuten, aber irgendetwas stimmte nicht an dieser Vorstellung von braven Kleingartenbewohnern, die bei Nacht und Nebel über die Sandwege schleichen und Schwule erschießen.

„Ist doch logisch, dass niemand das Gartenstück haben will“, sagte eine melodische Stimme hinter ihm. Sie gehörte einem langen, hageren jungen Mann, etwa zwanzig Jahre alt, mit sandfarbenen Haaren und Kinnbart. Auf seinem weißen T-Shirt stand unübersehbar in fetten schwarzen Lettern der Text: „Antifa ist Kampf!“. Er trug zwei große Einkaufstaschen, die er hinter der Bar abstellte. „Hallöchen, alle zusammen“, sagte er. „Ich hab alles. Im Auto stehen noch zwei Kartons, die hol ich gleich. Mein Gott, ist das eine Hitze. Machst du mir schon mal ein Bier, Sven? Das hab ich mir jetzt echt verdient.“

Der junge Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich auf einen Barhocker. „Wie viele Leute erwartet ihr denn eigentlich?“

„Übermorgen findet das jährliche Sommerfest statt“, erklärte Sven. „Tim hilft uns bei den Vorbereitungen. Er ist Student, schreibt gerade seine Diplomarbeit über Schrebergärten und jobbt hier ab und zu.“

„Ich wohne in der Laube meines Onkels“, sagte Tim. „Ich studiere Soziologie.“

„Hat die Polizei schon eine Ahnung, wer es war?“, wollte Sven wissen.

„Ich denke mal, die brauchen nicht allzu weit zu suchen“, sagte Tim. „Du weißt doch, wo man ihn gefunden hat.“

„Was meinst du damit?“, fragte Wolfgang.

„Preiselbeerweg 18“, sagte der junge Mann schulterzuckend, als wäre damit alles erklärt.

„Ich weiß nicht, ob die was damit zu tun haben“, sagte Sven und zapfte noch einmal nach.

„Wer denn sonst?“

„Was ist mit Preiselbeerweg 18?“, wollte Wolfgang wissen.

„Der Spanier wurde im Garten von Nummer 20 gefunden, und in Nummer 18 wohnen Neonazis“, sagte Tim. „Glatzköpfe. Diese Typen mögen keine Ausländer. Aus diesem Grund sind auch die Bewohner von Nummer 20 weggezogen. Eine türkische Familie, die ersten ausländischen Mitbewohner in der Anlage. Schade, ich hatte sie leider noch nicht interviewt.“

Neonazis. Die wohnten dann noch nicht lange hier, zumindest noch nicht, als er das letzte Mal hier war, das wäre ihm aufgefallen. Diese Hohlköpfe hatten den Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ zwar nicht erfunden, ihn aber nur allzu gern verinnerlicht. Und Homosexuelle waren ihnen auch ein Dorn im Auge, wenn es darauf ankam. Francisco gehörte zu beiden Kategorien, obwohl sie Letzteres natürlich nicht wissen konnten.

„Ich würde aufpassen mit so einem T-Shirt“, sagte Wolfgang.

Tim machte eine abwiegelnde Handbewegung. „Nee, nee. Ich habe eine ganze Sammlung und trage jeden Tag ein anderes. Ich lass mich von solchen Idioten nicht einschüchtern.“

Das war lobenswert. Aber ob es klug war, solche Typen zu provozieren, stand auf einem anderen Blatt – zumal, wenn man allein war.

Tim erzählte, dass die Neonazis seit ungefähr einem Monat in dem Haus wohnten. Sie waren dabei, es als eine Art Clubhaus herzurichten. Sie verhielten sich ruhig und störten nicht. Offenbar waren sie bemüht, nicht aufzufallen. Gelegentlich kam ein gut gekleideter Mann vorbei, Gregor, der Besitzer der Laube. Was er und die Glatzköpfe miteinander zu tun hatten, war schleierhaft, aber auf jeden Fall war es eine sehr merkwürdige Verbindung. Und dann gab es da noch jemanden, der hier auch seit einem Monat wohnte. Er hatte einen Kleingarten gemietet, im Asterweg. Den hatte er mal mit diesem Gregor reden sehen. Leider wollten sie alle nicht interviewt werden.

Wolfgang dolmetschte und weihte Javier in die bizarre Welt des Rechtsextremismus ein.

„Die sind bei uns auch auf dem Vormarsch, die jungen Ultrarechten“, meinte Javier. „Als hätten wir in Spanien nicht noch genug alte fachas!“

Claus kam herein, hob die Hand zur Begrüßung und deutete auf den Mann neben sich. „Christian ist mein neuer Partner.“

Christian war zweiunddreißig und arbeitete seit zwei Jahren beim LKA. Er war nicht unbedingt der talentierteste der Kollegen. Keine besonders gute Idee, ihn Claus an die Seite zu stellen.

„Frag den Fettkloß, ob er schon weitergekommen ist“, sagte Javier auf Spanisch zu Wolfgang, während er Claus einen feindseligen Blick zuwarf.

Claus erwiderte Javiers Blick ungerührt und ignorierte ihn dann. Na, toll. Wenn Javier sich so verhielt, hatte er ihn lieber nicht dabei. Es hatte keinen Zweck, Claus zu verärgern, wusste er aus Erfahrung. Im Gegenteil. Wenn der erst einmal auf stur schaltete, ging gar nichts mehr.

„Habt ihr schon irgendwelche Hinweise?“, fragte Wolfgang.

„Deswegen sind wir hier“, antwortete Claus. „Einem der Bewohner ist in der besagten Nacht etwas aufgefallen. War noch mal mit seinem Hund draußen, hat eine geraucht und dann ein Ploppen gehört, sagt er, wie wenn jemand einen verstopften Abfluss gereinigt hat. War natürlich eine Pistole mit Schalldämpfer. Er fand es schon ungewöhnlich, so mitten in der Nacht, aber er hat sich nichts weiter dabei gedacht. Als er die Zigarette aufgeraucht hatte, ging er weiter und sah, wie jemand ins Haus der Glatzköpfe ging. Er kann ihn nicht beschreiben, es war stockdunkel. Wir haben den Besitzer ermittelt, ein Gregor Treufeldt, aber wir haben ihn noch nicht zu fassen bekommen. Wohnt in einer vornehmen Villa in Grunewald. Die Nachbarn dort sagen, sie haben ihn schon seit zwei Tagen nicht gesehen. Gerade kam der Durchsuchungsbefehl für den Kleingarten.“

„Ich bin gespannt, was wir da finden“, sagte Christian.

„Die Mordwaffe, das wäre nicht schlecht“, antwortete Claus und runzelte die Stirn. „Wo ist dieser Spanier, wie heißt er noch, Sergio?“

„Was sagt der Fettkloß, was ist mit Sergio?“, fragte Javier ungeduldig.

„Nichts, er fragt, wo er ist.“

„Was sagst du? Sprich bitte Deutsch“, sagte Claus ärgerlich.

Gereizt presste Wolfgang die Zähne zusammen. Das konnte ja heiter werden, wenn das so weiterging. Um ihn herum waren nur schlecht gelaunte, anstrengende Typen, die ihm immer mehr auf die Nerven gingen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn Javier wieder nach Spanien zurückführe. Silke deutete ein Lächeln an, als würde sie verstehen, wie er sich fühlte. Er bedeutete ihr mit einer Handbewegung, Bier zu zapfen. Ungefragt machte sie auch eines für Javier. Claus und Christian sahen aus, als wenn sie auch Lust auf ein kühles Helles hatten, aber sie konnten schwerlich mit Alkoholfahne einen Durchsuchungsbefehl präsentieren – obwohl Claus sich in seiner Laufbahn schon ganz andere Fehltritte geleistet hatte.

Es erschienen vier Beamte in Uniform, und Claus stand auf. „Dann wollen wir mal. Der da kommt nicht mit.“ Er zeigte mit dem Daumen in Javiers Richtung.

„Versteh ich“, sagte Wolfgang. Claus‘ Formulierung bedeutete, dass er dabei sein durfte. Javier war nicht einverstanden, schwieg aber vielsagend auf Wolfgangs Frage, ob er denn einen Fremden zu einer Hausdurchsuchung mitnehmen würde.                                                               „Ich pass auf ihn auf“, meinte Silke und lächelte Javier zu.

 

Hinter dem Haus tauchte ein Dobermann auf und kam angestürmt. Er fletschte die gelblichen Zähne und knurrte, leise aber entschieden. Mistvieh. Wolfgang fiel ein, dass er einen Termin beim Zahnarzt machen musste, um Zahnstein entfernen zu lassen. Durch diese ganzen Spanien-Geschichten war er nicht dazu gekommen.

Claus sah sich das Haus an. „Ich glaube, da drinnen ist jemand.“

Wolfgang folgte seinem Blick und bemerkte, dass sich bei Nummer 18 eine Gardine bewegte. Er hätte zu gern gewusst, wer sich da herumtrieb, aber er hatte nicht das Bedürfnis, sich einem Dobermann entgegenzustellen, der aussah, als wäre er dazu abgerichtet, unerwünschten Besuch – im günstigsten Fall – zu verjagen. Wolfgang konnte Hunde sowieso nicht leiden, und irgendwie schienen die Köter das zu spüren, denn sie kamen immer schwanzwedelnd auf ihn zu und steckten am liebsten auch noch ungefragt die sabbernde Schnauze in den Schritt. Und auf diese aggressive Sorte hatte er schon gar keinen Bock.

Claus machte einen Schritt auf die Pforte zu. Der Dobermann entblößte weitere seiner unappetitlichen, scharf wirkenden Zähne und machte sich sprungbereit.

Eine Gruppe von Jugendlichen und Männern im Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig lungerte auf dem Rasen von Nummer 18 herum. Mit ihren glattrasierten Schädeln, weiten Hosen und T-Shirts sahen sie fast identisch aus. Einige trugen silberne Ohrringe und waren tätowiert, alle verströmten Hass und Aggression. Das waren junge Leute, die weder Arbeit noch Hobbys hatten, keine Zeitungen lasen, außer höchstens mal die Sportseite oder die reißerischen Schlagzeilen der Boulevardblätter, wenig Perspektiven im Leben hatten, andere dafür verantwortlich machten und deshalb extrem frustriert waren. Mit Sicherheit trugen sie Messer und hatten sehr wahrscheinlich Zugang zu anderen Waffen, auch wenn sie nicht tagtäglich damit herumliefen. Die Gewaltbereitschaft war für sie wie eine zweite Haut. Ihre Unzufriedenheit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Typen, die nichts davon abhielt, Schwule und ausländische Mitbürger zusammenzuschlagen oder Obdachlose niederzustechen, immer in der Gruppe, sodass das Opfer keine Chance hatte. Wie ein Rudel Wölfe, aber mit dem Unterschied, dass die nur töteten, um zu überleben. Diese Subjekte hier dagegen wurden von einer Mischung aus Frust, Langeweile und Dummheit getrieben.

Sie nannten sich Neonazis und vertraten unglaubliches Gedankengut. Es war eine Lebensform, die Wolfgang zutiefst verachtete. Er dachte an seinen Vater und hoffte, dass dieser in der Hölle verreckte.

Wenn Francisco nachts den Glatzköpfen begegnet war, die womöglich auch noch angetrunken waren, dann hatte er keine Chance gehabt. Sie hatten ihn mindestens verprügelt, nur wegen seines südeuropäischen Aussehens.                         Der Dobermann gab ein tiefes und lang gezogenes Knurren von sich. Claus hielt den Durchsuchungsbefehl in die Höhe und forderte sie auf, den Hund anzuleinen und ihm einen Maulkorb anzulegen.

Die Glatzköpfe sahen sich an und feixten.

„Das mag Prinz nicht“, sagte einer von ihnen: ein bulliger Mann ohne Hals von etwa einem Meter fünfundachtzig, mit rundem Gesicht und einer breiten Nase, die aussah, als wäre sie mal gebrochen gewesen.

„Wo ist der Besitzer dieses Grundstücks?“, fragte Claus.

Der Mann ohne Hals machte eine Kopfbewegung in Richtung Haus, beabsichtigte aber anscheinend nicht, den Betreffenden zu holen.

Wolfgang streckte seine Hand zur Gartenpforte. Wie ein behaarter Blitz schoss der Hund auf ihn zu und hielt erst kurz vor dem Zaun an. Das Tier schien nur noch aus Zähnen und Zahnfleisch zu bestehen und verströmte dabei einen üblen Geruch aus dem Maul. Er hatte den gleichen angriffslustigen Blick in den Augen wie die Männer. Mistvieh. Hunde sollte man verbieten und diese vierbeinigen Haie allemal.

„Wenn ihr uns den Zutritt verweigert, bleibt uns nur eine Möglichkeit.“ Wolfgang zeigte auf den Hund. „Den Köter abzuschießen.“

Höhnisches Gelächter war die Reaktion. Einer der Glatzköpfe empörte sich: „Einen unschuldigen Hund abknallen, ha, das trauen sie sich, die Bullen.“

„Und das mit dem größten Vergnügen“, ergänzte Wolfgang.         „Wolfgang mag keine Hunde“, sagte Claus amüsiert. „Und er hat recht, wir kommen rein, ob ihr nun kooperiert oder nicht.“

Er winkte einem der Polizisten in Uniform und zeigte auf den Hund. „Ein Schuss zwischen die Augen.“

Wolfgang wusste, dass Claus bluffte, aber die Glatzköpfe starrten ihn ungläubig und wütend an und kamen langsam näher. Wolfgang war klar, dass die Sache leicht eskalieren konnte. Es waren etwa fünfzehn Leute, ein Haufen unkontrollierbare Aggression. Und möglicherweise waren sie sogar dumm genug, Polizeibeamte anzugreifen.

„Das reicht jetzt“, klang eine resolute Männerstimme.

Die Tür des Hauses ging auf.

„Ich bin Gregor Treufeldt. Wären Sie so freundlich, mir den Durchsuchungsbefehl zu zeigen?“

Es war Gregor anzusehen, dass er eigentlich woanders hingehörte. Beigefarbene Hose, weißes Oberhemd, beides von Hugo Boss, braune italienische Schuhe, dunkle, gewellte Haare, modische Frisur. Ein sonnengebräunter Mann, um die vierzig, mit perfektem, strahlend weißem Gebiss. Er befahl dem Koloss mit dem aufgedunsenen Gesicht, der auf den Namen Karl hörte und offensichtlich der Anführer der Glatzköpfe war, seinen Hund anzubinden. Er nahm das Papier entgegen, sah es sich an und öffnete die Pforte. Er hatte nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen, als würde er sich mit Durchsuchungsbefehlen auskennen. Er fragte nicht nach dem Grund. Was machte dieser Mann hier? Die Haare auf Wolfgangs Armen sträubten sich, wie winzige Antennen, die versuchten, ein unbekanntes Signal aufzufangen.

„Sie haben vermutlich von dem Mord an dem Spanier gehört?“, fragte Claus und musterte sein Gegenüber eingehend mit einem Blick, der etwas Beleidigendes hatte. Claus reagierte allergisch auf Männer mit teuren Klamotten, selbst schon eine Krawatte störte ihn.

Gregor nickte.

„Haben Sie in der Nacht etwas bemerkt? Etwas gehört?“

„Nein, ich wohne hier selbstverständlich nicht“, sagte Gregor kurz angebunden. „Ich wohne in Grunewald.“

Es klang selbstgefällig. Ein Neureicher, stellte Wolfgang fest.

Diese Art von Leuten konnte es einfach nicht lassen, das herauszukehren. Grunewald war eine vornehme Gegend oder war es zumindest früher gewesen. Heute war es eher ein „teures“ Viertel.

„Was machen Sie beruflich?“, fragte Wolfgang.

Gregor starrte ihn an, seine Augen verengten sich: „Ich bin Berater“.

Das konnte vieles bedeuten, auch dubiose Sachen.

Nicht selten war „Beratung“ eine verhüllende Bezeichnung für Aktivitäten, die verhindern sollten, dass Geld zweifelhafter Herkunft dem gierigen Fiskus in die Hände fiel. Ein „Berater“ mit einem Vereinshaus für Neonazis war ein interessanter Sachverhalt, der es verdiente, näher untersucht zu werden.

„Haben Ihre Freunde in der fraglichen Nacht hier vielleicht etwas Auffälliges bemerkt?“

Gregor sah Wolfgang abschätzig an, aber für einen kurzen Moment verriet sein Blick Verärgerung. „Meine ‚Freunde‘, wie Sie sie nennen, haben nichts damit zu tun. Sie treffen sich hier, um Ärger aus dem Weg zu gehen, um ein Bier zu trinken und Karten zu spielen. Sie renovieren meine Laube. Ich biete diesen jungen Leuten eine Art Zufluchtsort. Sie sind ein Opfer der Umstände, sie haben wenig Chancen im Leben und kommen aus zerrütteten Familien. Ich will verhindern, dass sie auf die schiefe Bahn geraten und biete ihnen einen Treffpunkt, damit sie keinen Mist bauen.“

„Mir kommen die Tränen“, sagte Claus. „O.k., genug geredet, gehen wir an die Arbeit.“ Er bedeutete Wolfgang, ihm ins Haus zu folgen.

 Die Laube war größer, als sie von außen wirkte. Es war eine Art Blockhaus mit einem großen Raum in der Mitte, in dem ein Holztisch und Stühle, ein Schrank, zwei Sofas und ein Fernseher standen. Rechts waren eine winzige Küche, ein noch kleineres Bad und ein Schlafzimmer mit zwei Betten. Es standen mehrere Farbtöpfe und Pinsel herum. Zwei Wände waren frisch gestrichen, und es roch nach Terpentin. Sie waren dabei gewesen, den Holzfußboden abzuschleifen, und alles war mit einer Schicht Staub und Späne bedeckt.         Schweigend durchsuchten sie das Haus, systematisch und gründlich. Das Schlafzimmer hatte nichts zu verbergen. Fast die Hälfte der Küche nahm eine Kühl- und Gefrierkombination ein, die bis oben hin mit Flaschen Beck’s Bier und Tiefkühlpizzen gefüllt war. Sie räumten alles aus, denn es wäre nicht das erste Mal, dass jemand, der sich für schlau hielt, seine Waffe in einer Pizzaverpackung oder Ähnlichem im Gefrierschrank versteckte und sich nicht klarmachte, dass jeder Einbrecher oder Polizeibeamter mit einem Fünkchen Sachverstand dort zuerst nachsah. Hier lagen nur unversehrte Verpackungen, die sie aber trotzdem sicherheitshalber öffneten. Eine Mikrowelle, Messer, Gabeln, Gläser und Teller, ein paar Rollen Küchenpapier – damit erschöpfte sich die Ausstattung. Sie drehten die Sofas, Stühle und den Tisch um, durchforsteten den Schrank von oben bis unten und suchten im Holzfußboden nach geheimen Verstecken. Nichts. Unten im Schrank stand ein Staubsauger. In einer Schublade lag ein leerer Fotorahmen mit zerbrochenem Glas. Wolfgang schnitt sich an einer Scherbe, und ein dicker dunkler Blutstropfen quoll hervor. Er fluchte. Zwei kleine Fenster mit Gardinen davor ließen sich nicht öffnen. Hier musste noch einiges passieren, wenn man die Kategorie „schlecht ausgestattetes Ferienhaus“ hinter sich lassen wollte. An der Wand hing die Reproduktion eines Picasso-Gemäldes, im Regal standen ein paar Bücher. Ayn Rand. Sarrazin. Eine Bildzeitung.

„Nichts.“ Claus blickte säuerlich drein. „Mal sehen, ob sie im Garten der Glatzköpfe fündig geworden sind. Ich vermute mal nicht, so blöd sind die nun auch wieder nicht.“

Wolfgang folgte Claus langsam nach draußen.

In der spärlich eingerichteten Laube war nichts zu finden. Keine Pistole. Keine Taser-Waffe. Sogar die Farbtöpfe hatte er mit einem Löffel durchgerührt, ohne Ergebnis. Trotzdem: Irgendetwas hatte ihn stutzig gemacht. Eine Unstimmigkeit. Aber was?

 Gregor stand im Schatten des Apfelbaums und sah mit unbewegter Miene zu, wie die Glatzköpfe nacheinander vernommen wurden und man den Garten durchsuchte. Das Waffenarsenal bestand aus einer Sammlung von Taschenmessern, die zwar allesamt erlaubt, aber deshalb nicht weniger gefährlich waren. Kein einziger der jungen Männer wusste etwas, hatte etwas gesehen oder gehört. Niemand war hier gewesen in jener Nacht, alle waren zu Hause bei den Eltern. Sie wohnten brav bei Muttern, die sie in Schutz nahm anstatt ihnen einen Tritt in den rechtsradikalen Hintern zu versetzen. Aber Mutti hatte womöglich dieselbe Gesinnung. Und der Vater hatte – nach der anfänglichen Euphorie über den Fall der Mauer – irgendwann seinen Job verloren, was zunächst die Schuld der Wessis war und jetzt, wie mittlerweile in jedem zivilisierten Land, die der Ausländer. Zumindest der Fremden mit anderer Hautfarbe oder einer bestimmten Religion.

Gregor war gerade, wie könnte es anders sein, zurück von einem zweitägigen Golf-Training mit Geschäftspartnern, und das konnte er beweisen, wenn der Herr Hauptkommissar das wünsche.                                                                                    Ja, Claus wünschte das.

Die Glatzköpfe lungerten herum wie ein Virus, das kurz davor war, auszubrechen. Sie flüsterten sich gegenseitig etwas zu. Plötzlich richteten alle den Blick zur Pforte, an der Tim stand und das Geschehen mit großem Interesse verfolgte.

„Was gibt es denn da zu glotzen?“, fragte der halslose Karl bissig.

Tim zog die Augenbrauen hoch und zeigte auf sein T-Shirt, auf dem in fetten schwarzen Druckbuchstaben „GLATZEN“ stand.

„Glatzen“, sagte er. „Ich bin ein Glatzenglotzer.“

Wolfgang spürte förmlich, wie eine Welle von Hass und Feindseligkeit durch die Gruppe ging. Tim grinste über seinen eigenen Witz und ging. Auf der Rückseite seines T-Shirts stand „RAUS!“.

Er spielte ein gefährliches Spiel.

„Irgendwann läuft uns dieser Intellektuelle noch mal übern Weg“, sagte Karl. Sein rundliches Gesicht war von Abscheu verzerrt, und die Flügel seiner breiten Nase vibrierten wie bei einem Stier, der kurz davor war, anzugreifen. Seine Kumpel murmelten zustimmend. Wolfgang ging auf Karl zu, bis er ihm Auge in Auge gegenüberstand. Der Mann hatte ein ungepflegtes Gebiss und sein Mundgeruch konnte mit dem des Dobermanns mithalten.

„Wenn ihm auch nur ein Haar gekrümmt wird, seid ihr dran!“

„Ach, ja? Wieso? Ist das etwa Ihr Freund?“

Die anderen lachten.

„Das ist eine Tunte, wie der Spanier mit seiner Handtasche. Sieht man doch an den Haaren. Echte Männer tragen keinen Pferdeschwanz.“                                                 Handtaschen. Das war eines der auffallenden Phänomene auf Spaniens Straßen in den letzten Jahren, und Wolfgang hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt. Die Spanier hatten es geschafft, die Handtasche auch für den Herrn salonfähig zu machen. Häufig war sie aus Leinen, sodass es noch einen Touch von Sportlichkeit hatte, aber es war und blieb eine Handtasche. Francisco hatte eine aus Kalbsleder besessen. Hatten diese Subjekte deshalb angenommen, dass Francisco und Sergio schwul seien?         Wolfgang zog eine Augenbraue hoch. „Ich könnte mir vorstellen, warum du solche Angst vor Schwulen hast.“ Er betrachtete den Mann von oben bis unten und lächelte. „Vielleicht bist du ja mein Typ.“

Voller Genugtuung sah er, dass Karls Gesicht dunkelrot anlief. Wie leicht so jemand zu provozieren war. Na komm schon, schlag mich. Aus dem Augenwinkel sah Wolfgang, dass Claus und Gregor auf sie zukamen. Schade.

„Jetzt reicht‘s“, sagte Gregor scharf. „Karl, beherrsch dich.“                                                                                                 „Er hat mich Tunte genannt“, erwiderte Karl ungehalten.

Es war vermutlich die größte Beleidigung, die sein Hirn überhaupt registrieren konnte.

„Dann benimm dich auch nicht wie eine Schwuchtel und lass den Hauptkommissar in Ruhe. Oder sollte ich Ex-Hauptkommissar sagen?“

Claus hatte ihn als Kollegen vorgestellt. Woher wusste dieser Gregor, wer er war? Wolfgang war sich sicher, dass er ihm noch nie begegnet war.

Gregor sah ihn an und lächelte. „In bestimmten Kreisen sind Sie bekannt. Ich wusste sofort, wer Sie sind. Interessant übrigens, dass ein Ex-Hauptkommissar sich an einer Hausdurchsuchung der Mordkommission beteiligt. Das scheint mir nicht ganz rechtmäßig zu sein.“ Er zuckte mit den Schultern, wie, um sich zu entschuldigen. „Ich bin nicht nur Berater, sondern auch Jurist. Anwalt, um genau zu sein. Ich werde auf jeden Fall prüfen, welche Konsequenzen dieses Vorgehen hat.“

Claus warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Wolfgang ist mein ‚Berater‘“, sagte er entschieden. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Herr Treufeldt. Das mache ich dann auch.“                                                                                        Sollte heißen: Tu das, du Arschloch, dann mache ich dir das Leben schwer.

Wolfgang wurde bewusst, dass sie ein Problem hatten.

Wieso hatte Claus nicht gesagt, dass sie es hier mit einem Rechtsanwalt zu tun haben? Das war wieder so eines der Details, die er mitunter einfach ignorierte.

„Ich wusste sofort, wer Sie sind“, hatte Gregor gesagt. Aber wann soll das gewesen sein? Er war nicht gleich nach draußen gekommen. Er hatte aus dem Fenster geguckt, die uniformierten Beamten gesehen und war dann bestimmt noch fünf Minuten drinnen geblieben. Um sich eine Strategie zu überlegen? Irgendwo anzurufen? Oder um etwas in Sicherheit zu bringen?

Aber drinnen war nichts, nirgendwo gab es eine Möglichkeit, etwas zu verstecken.

Er fühlte, wie warmes Blut an seiner Hand herunterlief. Der Schnitt war wieder aufgegangen. Der Fotorahmen mit dem zersprungenen Glas. Plötzlich fiel ihm ein, was ihn irritiert hatte. Der Rahmen und das Glas waren mit einer Staubschicht bedeckt, wie der Rest des Hauses, obwohl die Schublade nicht verstaubt war. Also hatte jemand den Rahmen erst vor Kurzem da hineingelegt. Oder hastig  hineingeworfen, wobei das Glas zerbrochen war.

Warum? Was war darin gewesen?

Wolfgang winkte Claus zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der ging sofort ins Haus und kam mit der Picasso-Reproduktion wieder. Er drehte sie um und nahm die Pappe auf der Rückseite ab.

Ein Foto von einem Dutzend kahl geschorener, grinsender Männer.

„Suche den Unterschied“, meinte Claus zynisch. „Das hier nehmen wir mit.“

Wolfgang betrachtete die Aufnahme und drehte sie um. Es war, als würde die Welt plötzlich stillstehen.

Unmöglich. Er konnte nicht glauben, was er sah. Er zwinkerte, aber das Bild änderte sich nicht. Fassungslos starrte er auf die Rückseite des Fotos.

 

 

 

           
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BLUTHOCHZEIT (BLOEDBRUILOFT)

Leidenschaft und Mord unter Spaniens gnadenloser Sonne

 
 

Synopsis:

Wolfgang, ehemaliger Hauptkommissar der Berliner Mordkommission, hat soeben einen komplizierten Mordfall in der spanischen Extremadura gelöst und will nun endlich mit seinem neuen Leben anfangen.
Ein Haus an der spanischen Nordwestküste kaufen. Seine Vergangenheit hinter sich lassen. Vergessen.
Doch wieder werden seine Pläne durchkreuzt.Der Spanier, der sein Berliner Haus kaufen wollte, wird ermordet in einer Laubenkolonie aufgefunden und Wolfgang muss nach Berlin zurückkehren.
Immer stärker wächst seine Vermutung, dass es eine Verbindung geben muss zwischen mehreren, nie gelösten Mordfällen aus der jüngsten Vergangenheit.
Seine Suche nach dem Mörder wird von der Neuköllner Kneipenwirtin Gitta, dem merkwürdigen und seines Amtes enthobenen Gerichtsmediziners Siegfried und dem türkischen Journalisten und Taxifahrer Arhan unterstützt.Die Jagd führt ihn durch ganz Berlin, einer Stadt, die wie er selbst, verletzt und von den Wunden der Vergangenheit, die unvergessen sind, gezeichnet ist.Als dann auch noch seine „spanische Julia“ unverhofft auftaucht, beginnt endlich die Romanze, die er schon lange ersehnte.
Doch dann schlägt der Mörder erneut zu und ein Albtraum beginnt.
Die Frage stellt sich, wer jagt hier eigentlich wen?

 

Kapitel eins und zwei Bluthochzeit

EXTREMADURA, SPANIEN

Ein einfacher Spaziergang am frühen Morgen beendete das Leben von Ricardo Rodríguez. Obwohl sein Tag doch so gut angefangen hatte.
Es war ein herrlicher Morgen. Er hatte die Fenster seines Land Rovers geöffnet, genoss die frische Morgenluft und die hügelige Landschaft der „Dehesas“.
Er fühlte sich wohl. Das Fest hatte die ganze Nacht gedauert und war ein voller Erfolg gewesen. Nach Hause gehen mochte er nicht und so entschloss er sich einen Spaziergang am Fluss entlang zu machen; etwas, dass er frühmorgens des Öfteren tat. Er bog in einen Sandweg ein, parallel zum Flussbett und parkte sein Auto nahe am Wasser.
Ricardo ahnte nicht, dass er genauestens beobachtet wurde. Von jemandem, der sich tief in den Schatten der Eucalyptusbäume versteckt hielt. Entspannt spazierte er zwischen den dicken Ästen und lauschte dem Wind in dem dichten Blattgewölbe hoch über ihm.
Ricardo ging hier sehr gern entlang, das intensive Geräusch der Blätter im Wind beruhigte ihn, erhöhte seine Konzentration und half ihm so beim Nachdenken.
Momentan hatte er über Vieles nachzudenken. Probleme, die er in der vergangenen Nacht noch gut hatte wegschieben können.
Er blieb stehen und sah zu, wie ein Storch sich mit langsamen, breiten Flügelschlägen vom Flussufer in die Luft erhob. Ein dünner Hauch weißen Nebels stieg aus dem Wasser auf und erweckte den Eindruck, der Fluss würde rauchen. Fasziniert betrachtete Ricardo diesen weißen, mysteriösen Nebel.
Er hörte nicht die Schritte hinter sich, sah nicht die Hand mit dem „Gancho“, die sich drohend über seinem Kopf erhob.
Eine Sekunde lang gab es keine Bewegung, als wäre ein Film genau in diesem Moment gestoppt worden und die Eucalyptusbäume sähen atemlos dem Drama, dass sich in ihrer Mitte abspielte, zu. Dann lief der Film weiter.
Die messerscharfe Spitze des „Ganchos“ landete mit einem zum Erbrechen reizenden Geräusch tief im hinteren Teil von Ricardos Gehirn und er fiel vornüber auf den Boden.
Schimmerndes, hellrotes Blut, vermischt mit Teilchen grau-weißer Gehirnmasse sprudelte durch seine dunklen Haare und bildete eine sich ständig vergrößernde rote Lache im Lehm.
Das Blut floss, wie das Wasser im Fluss, schnell und unwiederbringlich.
Eine Gestalt über ihm flüsterte: „Du hast selbst drum gebeten“ und lächelte. Es war kein angenehmes Lächeln.
Und so machte am 9. April 2010 ein gezielter Schlag mit einem „Gancho“ dem Leben des Ricardo Jesús Rodríguez Sánchez, 40 Jahre alt, Tierarzt, verheiratet und Vater von zwei Kindern, ein vorzeitiges Ende, am Ufer des „rauchenden“ Flusses, einen Steinwurf von der portugiesischen Grenze entfernt.

Kapitel 1

BERLIN
Kein Blut mehr!
Es war ungewöhnlich, dass er seine Zukunft, die sich so schlagartig eröffnet hatte, in drei klare Worte zusammenfassen konnte. 
Er überlegte, dass es vielleicht noch viel ungewöhnlicher sei, dass die gleichen Worte so viel über seine Vergangenheit aussagten.
Aber das alles war jetzt vorüber. Er hatte seine Wahl getroffen.
Wolfgang genoss es, ohne Eile durch die Straßen von Berlin zu wandern. Er liebte die Frühlingszeit, wenn die Kastanienbäume wieder Knospen trieben,  bis sie hohe, grüne Kathedralen bildeten.
Sogar die Berliner erschienen wie neu geboren, zynischer denn je mit ihren messerscharfen Kommentaren zum Zustand der Welt, der Menschheit im Allgemeinen und Berlin im Besonderen.
Für Wolfgang barg Berlin keine Geheimnisse mehr und viel besser als die prächtige Seite kannte er die parallele, düstere Seite der Stadt.
Gewalt in ihren meist widerwärtigen Erscheinungsformen war für ihn tägliche Realität, ein fester Bestandteil seines Lebens.
Die Welt, in der er sich jahrzehntelang aufgehalten hatte, war, was ihn betraf, von einer stetig wachsenden Perversität gekennzeichnet, der er sich dennoch nicht hatte entziehen können.
All diese Jahre war er davon überzeugt gewesen, dass dies seine Mission war, der einzige Weg, den er hatte gehen können.  Bis das Unaussprechliche geschah und das Blut plötzlich eine andere Farbe bekam.
Eine Farbe, die er fast spüren konnte. Aber dennoch meinte er weiter machen zu müssen. Dies hatte sich als größter Fehler seines Lebens erwiesen.
Er schüttelte den Gedanken ab und wünschte sich, er könne das Gleiche mit seiner Vergangenheit tun.
Den ersten Schritt dazu hatte er getan, eine Entscheidung getroffen, die schwierig hätte sein sollen, ihm dann aber so einfach erschienen war, dass es ihn zuerst ängstigte.
Jetzt war der Moment da, um Schritt zwei zu tun. Und er hoffte, dass Esteban ihm dabei behilflich sein würde.
Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es noch zu früh war. „Nicht vor halb zwölf“,hatte Esteban gesagt. 
Nun, da blieb ihm genügend Zeit ein Bierchen zu trinken, bevor er die U-Bahn zurück nach Wilmersdorf nahm.
Das erste Glas Bier seines neuen Lebens.
Er bog in eine Seitenstraße ein. Gehwegplatten waren kreuz und quer von den kräftigen Wurzeln der Linden hoch gedrückt. Sein Ziel war die nächste Ecke, wo die leuchtenden Neon- Buchstaben „Gitta“ keinen Zweifel ließe an der Art der Kneipe oder der Wirtin.
Keine überflüssigen Worte, so war Gitta.
Er kam schon seit 20 Jahren in diese Eckkneipe in Neukölln, die für manche Anwohner nur wie eine Verlängerung ihres Wohnzimmers war.
Hier kamen selten fremde Gesichter her. Er grüßte mit „Mahlzeit“ und schüttelte traditionsgemäß die Hände der Anwesenden, bevor er sein Bier bestellte.
Gitta stand wie üblich hinter dem Tresen, ständig rauchend, und schaute ihn aufmerksam an. 
Am Oberarm prangte eine lebensgroße Tätowierung, der Kopf einer Bulldogge. Die hatte sie sich vor zwei Jahren stechen lassen, nachdem sie, gegen alle Widerstände, das zitternde Original hereingelassen hatte, dass seitdem auf einem Kleid neben dem Tresen lag und an Fettsucht litt, wie seine Chefin.
Beide hatten eine tief verwurzelte Abneigung gegen frische Luft und Bewegung. 
Wolfgang mochte überhaupt keine Hunde, fand aber, dass in diesem Fall beide gut zueinander passten.
Na, Gitta, wo bleibt men Bier, ick bin ja fast janz ausjetrocknet. Is det hier ’ne Kneipe oder’n Wartesaal?“
Der ungeduldige Kunde war für Wolfgang kein Unbekannter. Er wohnte faktisch im Lokal. Geschieden, seit eh und je arbeitslos, fremdenfeindlich seit der Wende und zutiefst Anti-Ossi.
Er sah die Ostberliner als Ursache seiner sämtlichen Probleme und forderte regelmäßig, die Mauer solle wieder aufgebaut werden.
In diesem Kiez war er sicher nicht der Einzige, der solche Gefühle hatte, das wusste Wolfgang.
„De vorjeschriebne Wartezeit is noch nich rum“, antwortete Gitta bissig, das Glas aber schon professionell anzapfend.
„Ick schwörs dir, ick such mir noch ’ne andre Stammkneipe.“
Gitta war nicht beeindruckt. „Det sachste schon seit Jahrzehnte, Johannes, abber et jibt keene Kneipe in Berlin, wo de in so ne jute Atmosphäre uf deen Bier warten kannst. Un jetzt beweg dein fetten Hintern un mach de Türe zu, sonst kommt noch Frischluft rin.“
Wolfgang verfolgte die Auseinandersetzung  vom Tresenende, nicht unbedingt sein üblicher Standort.
Gitta lief zu ihm hin, stellte das Bier vor seine Nase und sah ihn fragend an.
 „Na, Hauptkommissarchen, wat is’n mit dir los“?
„Ex-Hauptkommissar“, korrigierte er. Mehr Worte brauchte es nicht. Es hatte den Anschein, als hätte er die Kunst, mit wenig Worten viel auszusagen, plötzlich perfektioniert. 
Gitta gönnte ihm ihren berühmten Augenaufschlag, sah ihn an, als könne Sie gerade in sein Gehirn hineinschauen und antwortete ebenso kurz: „Et wär anne Zeit“
Mehr würde darüber nicht gesprochen werden, dass wusste er. Gitta kannte seine persönlichen Dämonen.
Die ließen sich nicht mit einfachen Worten erfassen. Ihre Kraft lag in den Bildern, die tief in der Nacht Erinnerungen hervorriefen, in den Albträumen, aus denen er erwachte, mit dem diffusen Echo eines Schreis, von dem er annahm, dass es seiner war.
Er wollte zahlen, doch Gitta winkte ungeduldig ab: „Det jeht uf’s Haus, Meester!“
Wolfgang lächelte und verließ die Kneipe. Langsam spazierte er zum U-Bahnhof Karl - Marx - Straße, sich der Stadt um ihn herum bewusst wie nie zuvor.
Seine Perspektive hatte sich auf eine fast unmerkliche Weise geändert, die Straßen gehörten jetzt ihm.
Er genoss die bunte Vielfalt der Menschen um sich herum. Frauen mit Kopftüchern, die während des Laufens lautstark mit ihren Handys telefonierten, Männer, die draußen an Tischen saßen und Falafel aßen, eine Currywurst oder etwas Chinesisches oder Thailändisches. Die orientalische Küche hatte jetzt auch Neukölln erreicht.
Auf öffentlichen Bänken saßen schweigend ältere Männer. Es schien Wolfgang, dass sie die sich stetig verändernde Umwelt recht gelassen beobachteten.
Drei junge Männer mit Tätowierungen und einer Unmenge an silbernen Ringen in Ohren und Augenbrauen saßen auf dem Bürgersteig mit Halbliterflaschen Bier, zweifellos aus dem nächsten Supermarkt.
Für viele Menschen würden sie wie eine Bedrohung wirken, doch Wolfgang wusste, dass Berlin eine Stadt war, die täuschen konnte und das auch des Öfteren tat. Höchstwahrscheinlich handelte es sich hier um ganz brave Familienväter, Männer mit Frau, Kindern und einem Job.
Er schlenderte weiter und fühlte sich wie ein Tourist. Noch nie war die Mordkommission so weit weg gewesen. Im U-Bahnhof schlossen sich die Türen der Linie 7 vor seiner Nase. Bei der Warnung „Zurückbleiben“, hätte er sich früher noch schnell zwischen die schließenden Türen geschmissen. Jetzt nicht mehr.
Dieser Mann hatte es nicht eilig. Ehemaliger Hauptkommissar der Berliner Mordkommission, seit heute im Vorruhestand, 55 Jahre alt, mit einem neuen Leben vor sich.
Kein Blut mehr! Zum ersten Mal fühlte Wolfgang sich frei. Er war neugierig, wie Esteban auf seinen Vorschlag reagieren würde. Er schaute auf seine Uhr. Bald würde er es wissen. 

Kapitel 2

Trotz der späten Stunde  war die Terrasse des BELLAVISTA voll besetzt. Das erstaunte Wolfgang kaum, denn die im Moment herrschenden Temperaturen waren für Anfang Mai in Berlin ziemlich unüblich. Drinnen war es, wie erwartet, leer. Wolfgang setzte sich an den Tresen und bestellte einen Rotwein. Aus der Küche konnte er hören, wie Esteban in seinem blumigen Spanisch den Tag verwünschte, an welchem sämtliche Touristen die Paella einstimmig zum spanischen Nationalgericht erkoren hatten.
Esteban neigte dazu, während des Kochens über seine Unzufriedenheit mit dem Restaurantleben im Allgemeinen und die Gäste und ihre kulinarischen Vorlieben im Besonderen, ungehemmt zu lästern. Eine Angewohnheit, deren Zeuge Wolfgang schon des Öfteren war.
Esteban und sein Kollege beherrschten die Kunst, sich streitend zu kochen, bis zur Perfektion. Dies hatte jedoch nicht verhindert, dass das Restaurant von Anfang an ein voller Erfolg war. Zwar neigten die Berliner in kulinarischer Hinsicht eher zu Italien, als zu Spanien, trotzdem war ein Spanisches Restaurant für viele Menschen eine willkommene Abwechslung bei den immer zahlreicher aus dem Boden sprießenden ´ristorantes´ in Wilmersdorf und Charlottenburg.
Wolfgang wohnte gleich neben dem Restaurant. Er war einer der ersten Gäste gewesen, der regelmäßig hereinkam, um etwas zu essen oder ein Glas Wein zu trinken, und schon bald geriet er so mit Esteban ins Gespräch.
Er erinnerte sich noch gut an Estebans Erstaunen, als er in einem günstigen Augenblick von Deutsch in ein flüssiges Spanisch wechselte.
„Ab jetzt sollte ich wohl besser aufpassen mit dem, was ich sage“ hatte dieser dazu bemerkt.
Nicht dass Esteban sich diesbezüglich je besondere Mühe gegeben hätte. Ihm war es zu verdanken, dass Wolfgangs Reservoir an spanischen Flüchen während der letzten Jahre deutlich vielseitiger geworden war. Aber über die Zeit war so langsam eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden.
Eine „Art Freundschaft“, korrigierte Wolfgang sich selbst. Esteban war nämlich zuweilen nicht zu genießen und konnte einem gnadenlos auf die Nerven gehen.
Doch er hatte ihn auch während der schwierigsten Phase seines Lebens unterstützt und das würde Wolfgang ihm nie vergessen.
Während er wartete, dass Esteban sich zu ihm setzte, beobachtete er durchs Fenster die vorbei laufenden Passanten.
Berlin fühlte sich im Frühling und Sommer manchmal fast mediterran an, mit seinen flanierenden Menschen, den vielen Kneipen, Restaurants und Gartenterrassen, in denen man abends, zwar nicht unter Palmen sondern unter gigantischen Kastanien sitzend, endlos diskutieren konnte.
Berliner lieben das Diskutieren. Für Wolfgang war dies die normalste Sache der Welt. So war er aufgewachsen.
Nichts wurde so ohne weiteres akzeptiert, alles wurde gründlich analysiert, immer wieder durchgesprochen und das Für und Wider abgewogen.
Es kam ihm oft vor, als seien die Bewohner dieser Stadt sich ihrer Umgebung bewusster als anderswo, was vielleicht auch dem Phänomen „Mauer“ geschuldet war.
Esteban war da anders. Aus heiterem Himmel tat er jedem ungefragt seine Meinung kund. Eine Angewohnheit, die Wolfgang fast verrückt machen konnte.
Über viele Dinge waren sie sich uneins, doch sie teilten die Vorliebe für gute Kneipen.
Szenekneipen oder Lokale mit einem ausgesuchten, arroganten Publikum kamen nicht in Frage, sondern ausschließlich Kneipen mit gemischter Kundschaft, einem urigen Wirt und einem sorgfältig gezapften Bier waren ihnen einen Besuch wert.
Terrassen wurden grundsätzlich ignoriert, ihr Platz war am Tresen und dort hatten sie auch schon so manche Stunde verbracht. Manchmal, nach zu viel Alkohol, kam dann auch Claudia zur Sprache.
Esteban hatte Claudia nie kennengelernt. Vielleicht konnte Wolfgang deshalb mit ihm über sie reden. Nur schrittweise ließ er Gedanken an sie in seinem Kopf zu.
In letzter Zeit traute er sich sogar etwas öfter an sie zu denken. Das Foto von ihnen beiden hatte er neulich wieder an die vertraute Stelle zurückgestellt.
Zwei Gesichter voller Hoffnung und Plänen für die Zukunft. Bis dann das Unaussprechliche geschah.
Schnell trank er sein Glas leer. Das magere Gesicht von Esteban erschien vor ihm. „Soll ich noch mal nachfüllen? Ich hätte selber auch noch gern ein Glas. Ab jetzt kommt Antonio schon allein weiter“.
Esteban füllte die Gläser und schaute ihn grinsend an. „Na, wie gefällt dir das freie Leben?  Muss doch ein tolles Gefühl sein nie mehr arbeiten zu müssen“.
Schon erstaunlich, wie schlecht Esteban seine Stimmung einschätzen konnte. Oder vielleicht negierte er sie auch absichtlich.
„Ich möchte ein Haus in Spanien kaufen“, sagte er unvermittelt. „An der Nordwestküste, in Galicien. Die Hälfte des Jahres würde ich dann dort wohnen“.
In den mehr als 30 Jahren, die er nun schon nach Spanien kam, hatte er eine ganze Reihe beliebter Reiseziele kennengelernt und lange hatte er zwischen Cádiz und Galicien geschwankt, aber letztendlich hatte er sich für Galicien entschieden.
Die wilde Schönheit der Rias Baixas würde ihm hoffentlich die ersehnte Ruhe bringen.
Er malte sich Winterzeiten aus, während derer er von seinem Wohnzimmer tobende Wellen meterhoch gegen die Felsküste prallen sah.
Vielleicht brauchte er eine Landschaft wie diese, die sich mit seinen Stimmungen veränderte. Auf jeden Fall hatte er den Entschluss gefasst sein neues Leben mit einem harten Schnitt zu markieren, einen Übergang zu schaffen, der es ermöglichte, seine Vergangenheit endgültig zu verdrängen.
Zuerst wollte er einfach nur drei Monate in dieser anderen Umgebung wohnen und ab dann seine eigene, neue Lebensgeschichte aufbauen, in der Erinnerungen nur sehr wohl dosiert zugelassen würden. Sein Leben fing jetzt noch einmal neu an.
Lange Spaziergänge entlang felsiger Küsten, eilig über die Wellen fliegender kleiner Fischerboote, Möwenschwärme im Kielwasser, in graziösen Sprüngen auftauchende Delphine.
Beim knisternden Feuer und der Wärme eines offenen Kamins Unmengen von Büchern lesen, nachdenken und vor allem - vergessen. Endlich alles vergessen.
„In Spanien leben?“, räsonierte Esteban, „Allein?“
Er schwieg. Wahrscheinlich spürte er, dass dies nicht gerade die passende Frage war.
Esteban würde ohnehin nie verstehen, wie Wolfgangs Leben hätte aussehen können. Etwas war endgültig verloren gegangen. Erst jetzt verstand er, was das Wort „nie“ bedeutete. „Nie“ war, jetzt allein ein neues Leben aufbauen zu müssen, mit einer leisen Stimme im Hinterkopf, die unaufhörlich flüsterte, dass es anders hätte sein sollen. Besser, viel besser.
„Allein“, bestätigte er. Wieder so eine treffende Zusammenfassung.
Er wusste, dass  er eine Weile aus Berlin fort musste, um tatsächlich frei zu sein, die Dämonen endlich zum Schweigen zu bringen.
Er hatte gedacht, den Weg dazu gefunden zu haben, doch nachdem er sich fünf lange Jahre in die Arbeit gestürzt hatte, musste er erkennen, dass er sich nur selbst belogen hatte. Er musste sein Leben ändern oder endgültig daran zugrunde gehen. Ein verbitterter alter Mann werden, der mit dem, was er angerichtet hatte, fortan leben musste.
Intensive Recherchen im Internet hatten ein Dutzend Wohnungen aufgelistet, die seinen hohen Anforderungen gerecht wurden.
Der nächste Schritt wäre nun abzureisen, nach Galicien, für eine Überprüfung vor Ort, und deshalb war er jetzt hier.
Er öffnete den Mund, doch die Frage erstarb auf seinen Lippen, als er den Blick in Estebans Augen sah.
Dieser schien seine Anwesenheit vollkommen vergessen zu haben und starrte mit einem eigentümlichen Ausdruck im Gesicht auf etwas hinter Wolfgangs Rücken. Kaum zu verstehen flüsterte er: „Julia“.
Die Frau, die unbemerkt hereingekommen war, sah aus wie eine etwas traurige Madonna. Sie hatte schwarzes Haar, dunkelbraune Augen und schaute eingehend in die Runde.
Wolfgang schätzte sie auf Mitte Dreißig. Vielleicht etwas älter, wegen der feinen Fältchen um Ihre Augen herum.
„Esteban“, sagte sie. Ihre Stimme war klangvoll, sehr angenehm anzuhören. Sie blieb stehen und bewegte fast hilflos ihre Hände, als sei sie nicht sicher, wie der Empfang sein würde. Sie wartete, bis Esteban auf sie zuging und sie umarmte. „Julia, was für eine Freude dich zu sehen! Du hast dich ja kein bisschen verändert“, sagte Esteban auf Spanisch.
„Zum Glück! Ich hatte schon richtig Angst, weil ich nicht wusste wie du reagieren würdest, wenn ich so plötzlich vor deiner Nase stehe.  Wunderbar, dich nach zehn Jahren endlich einmal wiederzusehen, es kommt mir fast wie eine halbe Ewigkeit vor“.
Sie lächelte breit, sah ihm direkt in die Augen und plötzlich war die Madonna hinter einer Unmenge Lachfältchen verschwunden.
Esteban stellte ihn vor. Wolfgang war allerdings etwas befremdet, dass Esteban sofort seinen ehemaligen Beruf und heutigen Status als Rentner erwähnte. Er wollte sich schließlich erst selbst dieses neue Leben aneignen, es vorläufig noch nicht mit Menschen teilen, die er gar nicht kannte.
Dass seine Gefühle manchmal Achterbahn fuhren hatte er schon ab und zu festgestellt. Doch dieses bitter-süße Gefühl, welches die Trennungslinie zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft markierte, wollte er ganz allein hegen und pflegen. Diese Kombination aus Selbstmitleid, Schmerz und Hoffnung war nur seine, da konnte ein Fremder lediglich störend wirken.
Julia schüttelte ihm etwas formell die Hand. Er war davon überzeugt, dass diese Art der Begrüßung für sie eher unüblich war, dass Sie ihn lieber auf spanische Weise, mit einem Kuss auf jede Wange, begrüßt hätte, jedoch instinktiv seine Zurückhaltung spürte. „Ich bin froh dich kennenzulernen“, sagte sie lächelnd und sah dabei aus, als ob sie es auch so meine.
Wolfgang stand auf und bot an, die beiden allein zu lassen, damit sie ungestört reden könnten, doch Esteban protestierte. Zu seinem Erstaunen schloss Julia sich dem Protest an. „Ich möchte wirklich gern, dass du bleibst“, versicherte sie. Er fragte sich, weshalb wohl?
„Wie bist du eigentlich hier gelandet? Woher wusstest du, wo du mich finden kannst? Ich habe nie jemandem meine Adresse gegeben“.
Esteban feuerte die Fragen mit höchster Geschwindigkeit ab und sah dabei aus, als ob er immer noch nicht glauben könne, dass Julia tatsächlich vor seiner Nase stand.
Achselzuckend, dabei den Eindruck erweckend, Estebans Fragen seien von geradezu kindlicher Schlichtheit, antwortete sie:
„Der einzige Brief, den du mir je geschickt hast, kam aus Berlin. Ich weiß wie du heißt, und dass du Koch bist. Wir leben schließlich im Zeitalter von Internet. Ich verstehe natürlich, dass es für dich ein Schock ist. Zehn Jahre sind nicht wenig und ich verstehe auch, dass du eigentlich keinen Kontakt mehr zu uns willst, aber ich musste einfach kommen. Du solltest unbedingt in die Extremadura zurückkommen. Etwas Schreckliches ist passiert“.
Sie wühlte in Ihrer Handtasche, zog eine Schachtel Zigaretten heraus und zündete sich eine an. Irgendwie hatte Wolfgang gedacht, sie sei Nichtraucherin.
Esteban zog kritisch die Augenbrauen hoch, stellte aber trotzdem einen Aschenbecher hin. Das Rauchverbot wurde im Berliner Gaststättengewerbe nicht überall eingehalten, nicht einmal von Esteban, der selbst aber überzeugter Nichtraucher war.
„Ich will nicht lange drum rum reden. Wenn ich nicht sofort zur Sache komme, werde ich noch verrückt“, sagte Julia.
„Ricardo Rodríguez, der Sohn von Tomás und Josefa ist tot aufgefunden worden, ermordet. Und mein Bruder Rafael ist jetzt unter Mordverdacht verhaftet worden. Esteban, du musst in die Extremadura mitkommen und uns beim Beweis seiner Unschuld helfen. Du weißt doch auch, dass Rafael kein..........“.
Sie redete nicht weiter. Wolfgang fragte sich, was sie eigentlich noch hatte sagen wollen; und weshalb Sie Ihren Satz nicht zu Ende geführt hatte.
Esteban starrte Julia an, als sei dass, was sie da erzählte, noch nicht ganz zu ihm durchgedrungen. Er zwinkerte mit den Augen und strich sich mit der Hand durch die Haare, ein Zeichen seiner Nervosität, erkannte Wolfgang.
„Mein Gott, Esteban, sag doch endlich was“! Julia schüttelte ungeduldig den Kopf. „Willst du nicht wissen was eigentlich los ist? Du gibst doch nicht Rafael noch immer die Schuld an der Tragödie mit Isabel!“
Sie schwieg, als wäre sie über ihre Worte selbst erschrocken. Es ist wie ein Schauspiel, wo einer der Akteure seinen Text vergessen hat, dachte Wolfgang.
Zum Glück waren dies nicht seine Angelegenheiten. Unbekannte Namen, weit weg, aus einer unbekannten Welt, von der er nichts verstand und auch nichts wissen wollte.
Fast schien es so, als hätte Esteban gar nicht gehört was Julia sagte. Er zerriss seinen Bierdeckel in winzige Teilchen und deponierte eins nach dem anderen im Aschenbecher.
Julia schaute Wolfgang hilfesuchend an, als wüsste sie nicht wie es nun weiter gehen solle.
„Erzähl doch mal was eigentlich passiert ist“, sagte Wolfgang, obwohl er es gar nicht hören wollte. Was tat er hier eigentlich, weshalb musste er gerade jetzt hier sein?
Auf einmal wollte er nur noch in der lauen Frühlingsnacht verschwinden, sich unter all die Sorglosen mischen, die die Berliner Nacht bevölkerten. Doch der richtige Moment, um aufzustehen und zu gehen war schon vorbei.
Er hatte sich in das Gespräch eingemischt wie ein Souffleur, der die Worte sprach, die für Esteban gedacht waren, und damit war er einer der Akteure geworden.
Julia brauchte keine weitere Aufforderung. „Letzte Woche standen wir mit einigen Leute im „El Commandante“ und tranken ein Glas Wein als Javier herein kam, Estebans Freund von der Guardia Civil.
Ricardo war am vergangenen Abend nicht nach Hause gekommen und noch immer spurlos verschwunden. Ich muss zugeben, dass wir uns zuerst keine besonderen Sorgen machten, denn Ricardo verschwindet schon mal ab und zu, ohne gleich jedes Mal zu Hause anzurufen.
Doch noch am gleichen Abend erfuhren wir dass sein Auto nahe der großen Brücke über den Rio Ardila gefunden wurde. Etwas später fand ihn dann die Guardia Civil. Tot, mit einer schrecklichen Kopfverletzung“.
Schreckliche Kopfverletzung. Die Bilder blitzten auf seiner Netzhaut auf, bevor er sie stoppen konnte und nur mit Mühe war er im Stande einen Schrei zu unterdrücken.
Das Blut, überall Blut. Er wünschte sich aus tiefstem Herzen, dass Julia nie hier erschienen wäre. Esteban schaute ihn fragend an. Wolfgang vermutete, dass auch er sich wünschte, Julia wäre nie hier aufgetaucht, so sehr er sich auch gefreut hatte sie wiederzusehen. Julia selbst schien sich der Gefühle die sie auslöste nicht bewusst zu sein und erzählte gehetzt, fast über ihre Worte stolpernd weiter.
„Die Guardia Civil hat sofort eine Untersuchung eingeleitet und in einer von den Bars, die er öfters zusammen mit meinem Bruder besuchte, der BAR BOVEDA, erzählte man ihnen, dass die beiden sich kürzlich ziemlich gestritten hätten. Viele der Anwesenden hatten den Streit mitbekommen, wussten aber nicht worum es dabei ging. Sie erinnerten sich nur, dass mein Bruder sich fürchterlich aufgeregt hätte. Er soll Ricardo mit den Worten „hijo de puta“ (Hurensohn) verwünscht und dabei geschrien haben “Ich bring dich um!“
Die Guardia Civil nahm ihn daraufhin fest und brachte ihn zum Verhör. Und jetzt wird er des Mordes verdächtigt.
Julia hob mit einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. Sie hatte schöne Hände mit langen, schlanken Fingern. „Natürlich hat er das nicht getan, das ist doch wohl klar, schon der Gedanke ist total absurd und deshalb bin ich hier. Um Esteban zu bitten mit mir zurück in die Extremadura zu kommen, zu helfen den richtigen Täter zu finden damit Rafael wieder freigelassen werden kann“.
„Ich bitte dich, Esteban, tu es für mich! Du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen. Außerdem kennst du Javier wie kein Zweiter, er war dein bester Freund“.
Wolfgang hörte Esteban protestieren und unbeholfen diverse Ausreden von sich zu geben. Dass er seit zehn Jahren nicht mehr in Spanien gewesen sei, dass er es nicht verkraften könne zurück zu gehen, dass er seine Vergangenheit endlich vergessen wolle.
Julia argumentierte dagegen. Es lag eine leichte Panik in ihrer Stimme, aber auch eine gewisse Entschlossenheit. Sie kam ihm wie eine Frau vor, die wusste, was Sie wollte und die sich nicht so einfach abwimmeln ließ.
Wolfgang hatte nie genau erfahren, weshalb Esteban sämtliche Verbindungen zu seiner Vergangenheit so rigoros abgebrochen hatte. Etwas war vor zehn Jahren geschehen, eine Tragödie innerhalb seiner Familie, so viel war Wolfgang inzwischen aus den kargen Informationshäppchen, die Esteban in den letzten Jahren fallen gelassen hatte, klar geworden.
Was seine spanische Vergangenheit betraf war er schon immer extrem verschlossen gewesen und Wolfgang hatte ihn auch nie gedrängt mehr davon preiszugeben.
Im Leben eines Jeden gab es Sachen, über die man besser schwieg. Er kannte diese Sperren bei sich selbst. Sie kamen ihm fast körperlich vor und vielleicht waren sie es sogar.
Von draußen drang der Lärm der Passanten, redend und lachend, herein. Drinnen war es still. Die letzten Gäste hatten das Lokal schon längst verlassen. Plötzlich fiel ihm auf, dass Julia und Esteban sich schweigend gegenüber saßen und er fragte sich, wie lange schon.
Julia schaute Wolfgang mit einem eindringlichen, fragenden Blick an. „Und wenn er auch mitkommen würde?“, meinte sie dann.
Wolfgang bemerkte schockiert, dass die Frage an Esteban gerichtet war, der sich anscheinend, mit einem voreiligen Hoffnungslächeln im Gesicht, schon geschlagen gegeben hatte. Er verstand, dass nun eine Schuld eingelöst werden musste.
Wolfgang atmete in dem vergeblichen Versuch Klarheit in seinem Kopf zu schaffen, tief ein. Er hatte schlecht geschlafen, aber das war auch nicht anders zu erwarten gewesen.
Die Wilmersdorfer Straße war belebt wie eh und je und so schlängelte er sich zwischen den vielen Menschen mit ihren vollen Einkaufstüten hindurch. Spontan betrat er das Geschäft „SHIMANCKI“ und schlenderte dann an den Vitrinen mit frischem Fisch und Schalentieren vorbei. Er liebte diese „Volksküche“, die nicht nur dem Verkauf diente, sondern in der man auch im Stehen etwas essen und trinken konnte. Das Essen war preiswert, schmackhaft und von ausgezeichneter Qualität und dieser Umstand hatte dazu geführt, dass der Ort bei den etwas älteren und meistens allein wohnenden Anwohnern eine große Beliebtheit genoss. Er hoffte nur, dass daraus nie ein sogenanntes „In-Lokal“ würde.
Wolfgang bestellte bei seinem gewohnten Stand eine Fischsuppe. Die Düfte, die von dem dampfenden Teller, der vor seine Nase gestellt wurde, aufstiegen, ließen ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Sein Magen schrie geradezu nach etwas Heißem, Salzigen, nach den Unmengen Wein vom Vorabend.
Danach brauchte er dringend ein großes Bier. Er ging hinüber zu einer Kneipe, aus deren Musikbox gerade die rauchige Stimme von Demis Roussos dröhnte. Drinnen war es ruhig.
Am Treseneck las der Wirt konzentriert seine Zeitung und Wolfgang wusste das täte er auch bei mehr Betrieb im Laden.
Einige Stammkunden, so auch Wolfgang, baten ihn dann regelmäßig, auf übertrieben höfliche Weise, dass es ihnen zwar Leid täte ihn bei seiner anstrengenden Tätigkeit zu stören, aber dass man, wenn es nicht zu viel Mühe mache, heute noch gern ein Bierchen konsumieren würde. Doch dafür war er heute nicht in Stimmung.
Die Musikbox wechselte von Demis Roussos zu Marlene Dietrich und Wolfgang wartete geduldig bis sein Bier fertig gezapft war.
Er betrachtete die alten Holzfässer in denen einige Granatsplitter den physischen Beweis des Zweiten Weltkrieges hinterlassen hatten.
Ironie des Schicksals. Er stand gerade im Begriff Esteban zu bitten ihn auf einen Kurzbesuch nach Galicien zu begleiten, um ihm dort zu helfen ein geeignetes Haus zu finden.
Dann war Julia hereingekommen und hatte wie ein Wirbelsturm sein sorgfältig arrangiertes, neues Leben über den Haufen geworfen, noch bevor es überhaupt angefangen hatte. Er bereute, dass er sich nicht geweigert hatte, höflich aber unmissverständlich. Wahrscheinlich war es der verlorene Blick in Estebans Augen gewesen. Wolfgang hatte das Gefühl, sein Leben würde ihm plötzlich aus den Händen gerissen. Wenn er den Dingen jetzt nicht Einhalt gebot, würde es niemals so werden wie er es sich wünschte. Überschaubar, ohne Dämonen. Kein Blut mehr.
Er beobachtete die „Blume“, diesen Berg aus Schaum, der, so herrlich wie steif geschlagener Eischnee, auf seinem Glas prangte. Ein gepflegtes Bier, ein mit Sorgfalt und ohne Eile, perfekt gezapftes Glas Bier. So sollte auch seine Zukunft aussehen. Fast hätte er der Versuchung nicht widerstehen können, die neu erworbene Kontrolle über sein Leben aus den Händen zu geben, aber zum Glück war er noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen.
Morgen würde er Esteban mitteilen, dass er es sich anders überlegt hätte. „Schließlich ist es mein Leben“, sagte er laut, und leerte sein Bier in einem Zug, als wolle er seine Worte damit kraftvoll bestätigen.
„Genau“, sagte eine Stimme aus der Vergangenheit. Eine Stimme, die er sofort erkannte, aber niemals wieder hatte hören wollen. Sein Magen zog sich zusammen. Langsam schaute er auf, um den Moment des Kontaktes noch etwas hinauszuzögern.
„Tut mir Leid. Keine Zeit für Formalitäten, ich muss unbedingt sofort mit dir reden. Danach verschwinde ich. Und dir rate ich das Gleiche“. 

 

 

ISBN: 9789022327104
Verlag: MANTEAU